Schriftspaziergang durch Berlin

Es ist ja kein Geheimnis, dass ich Städte gerne mit dem Buchstabenblick durchstreife, und ihr könnt euch sicher meine Freude vorstellen, als ich die Einladung zu einem Schriftspaziergang erhielt. Fritz Grögel und Florian Hardwig hatten Mitglieder des Typostammtischs eingeladen und führten uns mit Expertenblick und -wissen durch Berlin-Mitte.

Wie es sich für Typo-Fans gehört, erschienen die ersten Teilnehmer tatsächlich in alphabetischer Reihenfolge – Annika, Bettina, Claudia …
Und dann ging es auch schon los zu den »… Perlen und Säuen der Schrift-, Bau- und Begräbniskultur …«. In Berlin gäbe es relativ selten alte Schrift, schickte Fritz vorweg und zeigte uns einen der wenigen noch existierenden Jugendstil-Schriftzüge am Geschäftshaus der Gebrüder Tietz in der Klosterstraße. Es war zu Beginn des 20. Jahrhunderts als reines Geschäftshaus erbaut worden, ein Novum, weil bis dahin Wohnen und Arbeiten räumlich enger verbunden waren.
Weiter ging es zur Straßenecke Parochial- und Waisenstraße. Hier kann man sehr schön die verschiedenen Versionen Berliner Straßenschilder betrachten. Da hätten wir die Variante 1 aus den 30er Jahren mit einer Schrift die der Erbar Grotesk sehr nahe kommt (diese Schrift wurde nach dem 2. Weltkrieg in West-Berlin weiter benutzt), gegenüber Variante 2a aus der DDR-Zeit, entwickelt in den 50er Jahren, industrieller in der Anmutung. Die Schilder bestehen – sehr raffiniert – aus drei Schichten: in weiße Plastiktafeln sind die Buchstaben gefräst und dazwischen befindet sich eine schwarze Tafel (quasi ein Sandwich), das macht den Schriftzug lesbar. Vorteil ist, dass diese Schriftzüge nie verblassen können. Außerdem gibt es dann noch Variante 2b – ähnlich, aber etwas abgerundet.
Schräg gegenüber dieser Straßenecke befindet sich das Königliche Land- und Amtsgericht. Bei seiner Fertigstellung 1904 war es das zweitgrößte Gebäude der Stadt nach dem Schloss. Noch heute ist es von imposanter Größe, auch wenn in den 60er Jahren der Nordflügel mit Eingangsportal und zwei 60 Meter hohen Ecktürmen dem Bau des Straßentunnels am Alexanderplatz zum Opfer fiel. Kurios aus Schriftbetrachter-Perspektive ist, dass bei diesem so ambitioniert gestaltetenen Riesenkomplex, die Beschriftung etwas unbeholfen unter dem Dachsims des Seitenflügels angebracht wurde. Das wirkt wie vergessen und schnell noch reingequetscht.
Am Alexanderplatz dann die Urania-Weltzeituhr – sie ist so ein Kind der 60er und visualisiert den Fortschrittsglauben. Entworfen wurde sie von Erich John und gebaut von einem Team mit über 100 Beteiligten. Allerdings empfinde ich sie auch als zynisch, errichtet von einem Land, das seinen Bewohnern verbot in den größten Teil der Welt zu reisen.

Zum Abschluss unseres Spaziergangs verlassen wir die DDR-Moderne und gehen weiter ins preußische Berlin zum Reiterstandbild Friedrichs des Großen. Das hatte ich noch nie aus der Nähe betrachtet und nun kam die für mich größte Überraschung des Spaziergangs: die Beschriftung des Denkmals ist eine serifenlose Schrift. Diese Schriftform hätte ich immer gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit der Akzidenz Grotesk datiert, und war daher erstaunt, dass sie bereits 50 Jahre zuvor bei einem so repräsentativen Denkmal verwendet wurde. Das lässt vermuten, dass der Bildhauer Christian Daniel Rauch durchaus modern war. Tatsächlich traten serifenlose Schriften bereits um 1800 im Zuge des Klassizismus und der anschließenden Industrialisierung ihren Siegeszug an. Wieder was dazu gelernt.
Eine weitere serifenlose Inschrift schmückt übrigens das Neue Museum, das ebenfalls Mitte des 19. Jahrhunderts von Friedrich August Stüler erbaut wurde.

Es war ein herrlicher Spaziergang! Auf bekannten Wegen so viel Neues zu entdecken – toll! Vielen Dank an Fritz und Florian.

buchstabenplus, Berlin
U-Bahn

buchstabenplus, Berlin
Los geht’s …

buchstabenplus, Berlin
Geschäftshaus Tietz

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Variante Berlin und West-Berlin

buchstabenplus, Berlin
Variante Ost-Berlin

buchstabenplus, Berlin
Variante Ost-Berlin, mal gerade, mal etwas rundlicher

buchstabenplus, Berlin
Als würde es nicht genug Platz geben …

buchstabenplus, Berlin
Urania-Weltzeituhr

buchstabenplus, Berlin
Auch die Schrift ist als Relief gearbeitet.

buchstabenplus, Berlin
Neues Museum

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